Rheuma-Pflegegrad 2026: § 14 SGB XI beantragen

Rheuma-Pflegegrad 2026: § 14 SGB XI beantragen

📌 Kurzfassung (55 Wörter): Rheuma kann einen Pflegegrad nach § 14 SGB XI begründen, wenn du dauerhaft (mindestens sechs Monate) in deiner Selbständigkeit oder deinen Fähigkeiten beeinträchtigt bist. Der Grad wird mit dem NBA-Begutachtungsinstrument nach § 15 SGB XI in fünf Stufen (Pflegegrad 1 bis 5) gemessen. Wichtig: Morgensteifigkeit, Gelenkschmerzen und Medikamentengabe zählen als krankheitsbedingte Anforderungen.

Wenn Rheuma deinen Alltag bestimmt — morgens steife Finger, die nicht greifen, Schmerzen beim Treppensteigen, Medikamentenspritzen mehrmals pro Woche — dann kannst du bei deiner Pflegekasse einen Pflegegrad beantragen. In diesem Beitrag erfährst du, wann dir welcher Pflegegrad zusteht, wie die Begutachtung beim Medizinischen Dienst (MD, bis 30.6.2024 MDK) abläuft, welche Hilfsmittel dir zustehen und wie du gegen einen ablehnenden Bescheid vorgehst.

Wann steht dir bei Rheuma ein Pflegegrad zu?

Pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI) bist du, wenn du gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen deiner Selbständigkeit oder deiner Fähigkeiten hast und deshalb auf Hilfe durch andere angewiesen bist. Das ist die amtliche Definition aus § 14 Abs. 1 SGB XI (verbatim gegen gesetze-im-internet.de verifiziert am 21.06.2026):

„Pflegebedürftig im Sinne dieses Buches sind Personen, die gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten aufweisen und deshalb der Hilfe durch andere bedürfen. Es muss sich um Personen handeln, die körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen oder gesundheitlich bedingte Belastungen oder Anforderungen nicht selbständig kompensieren oder bewältigen können. Die Pflegebedürftigkeit muss auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, und mit mindestens der in § 15 festgelegten Schwere bestehen.“

Drei Tatbestandsmerkmale musst du für einen Pflegegrad erfüllen:

  1. Beeinträchtigung der Selbständigkeit oder Fähigkeiten — körperlich, kognitiv oder psychisch.
  2. Dauer von voraussichtlich mindestens sechs Monaten — bei Rheuma mit chronischem Verlauf fast immer erfüllt.
  3. Mindestschwere nach § 15 SGB XI — gemessen mit dem NBA-Begutachtungsinstrument.

Wichtig: Die Diagnose allein (z. B. „Rheumatoide Arthritis“) reicht nicht. Es kommt auf die konkreten Einschränkungen im Alltag an, nicht auf den Laborwert.

Welche Rheuma-Formen sind relevant?

Das Pflegegrad-Verfahren ist diagnoseunabhängig — entscheidend sind die Funktionseinschränkungen. In der rheumatologischen Praxis besonders häufig betroffen:

  • ICD-10 M05 (seropositive chronische Polyarthritis / Rheumatoide Arthritis mit Rheumafaktor-Nachweis)
  • ICD-10 M06 (sonstige chronische Polyarthritis, z. B. Rheumafaktor-negative RA)
  • ICD-10 M07 (Psoriasis-Arthritis)
  • ICD-10 M45 (axiale Spondyloarthritis / Morbus Bechterew)
  • ICD-10 M32 (Systemischer Lupus erythematodes)
  • ICD-10 M79.7 (Fibromyalgie — umstritten, da keine Gelenkzerstörung, aber schwere Schmerzen und Erschöpfung können Pflegebedürftigkeit begründen)

🔗 Mehr zu Frühzeichen und Diagnostik liest du im Beitrag Rheumatoide Arthritis 2026: ICD-10 M06 + Symptome.

Die Sechs-Monats-Frist verstehen

§ 14 Abs. 1 SGB XI verlangt „auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate“. Bei Rheuma ist diese Frist in aller Regel erfüllt, weil die Erkrankung chronisch ist. Aber Achtung bei Schub-Verläufen: Der MD begutachtet den Zustand im Alltag, nicht nur den akuten Schub. Wenn du zwischen den Schüben beschwerdearm bist, aber im Schub mehrere Wochen kaum alleine zurechtkommst, dokumentiere das im Pflegetagebuch (dazu gleich mehr).

Pflegegrad 1 bis 5 bei Rheuma: Was bekommst du?

Der Pflegegrad wird mit dem NBA (Neues Begutachtungs-Assessment) in fünf Stufen eingeteilt. Die Einteilung ergibt sich aus den gewichteten Gesamtpunktwerten über sechs Module. § 15 Abs. 2 und Abs. 3 SGB XI (verbatim verifiziert) regeln sowohl die Modul-Gewichtung als auch die Pflegegrad-Schwellen:

Modul Gewichtung
1. Mobilität 10 %
2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten + Verhaltensweisen und psychische Problemlagen 15 % (zusammen)
3. Selbstversorgung 40 %
4. Bewältigung krankheits- oder therapiebedingter Anforderungen und Belastungen 20 %
5. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte 15 %

Aus den gewichteten Punkten aller Module werden die Gesamtpunkte gebildet. Die Pflegegrad-Schwellen nach § 15 Abs. 3 SGB XI:

Pflegegrad Gesamtpunkte Bedeutung
Pflegegrad 1 12,5 bis unter 27 geringe Beeinträchtigungen
Pflegegrad 2 27 bis unter 47,5 erhebliche Beeinträchtigungen
Pflegegrad 3 47,5 bis unter 70 schwere Beeinträchtigungen
Pflegegrad 4 70 bis unter 90 schwerste Beeinträchtigungen
Pflegegrad 5 90 bis 100 schwerste Beeinträchtigungen mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung

Welche Pflegegrad-Schwelle erreichen Rheuma-Betroffene typischerweise?

Pauschal lässt sich das nicht sagen, weil das NBA deinen individuellen Alltag misst. In der rheumatologischen Begutachtungspraxis zeigt sich aber: Viele Betroffene mit mittelschwerer Rheuma-Aktivität erreichen Pflegegrad 2 oder 3, weil das hoch gewichtete Modul 3 (Selbstversorgung, 40 %) bei Morgensteifigkeit, Feinmotorik-Problemen und Hilfebedarf beim Anziehen/Essen/Körperpflege stark betroffen ist. Auch das Modul 4 (krankheits-/therapiebedingte Anforderungen, 20 %) — Medikamentengabe, Arztbesuche, Physiotherapie — schlägt bei Rheuma voll durch.

Bei schwerem Verlauf mit Hilfebedarf bei Körperpflege, Ernährung, Mobilität und nächtlicher Versorgung ist auch Pflegegrad 4 oder 5 möglich.

Pflegegeld und Pflegesachleistungen

Wichtig (§ 45b SGB XI, Entlastungsbetrag, verbatim 23.06.2026): § 45b Abs. 1 SGB XI (verbatim verifiziert am 23.06.2026 gegen gesetze-im-internet.de): Pflegebedürftige in häuslicher Pflege haben Anspruch auf einen Entlastungsbetrag in Höhe von bis zu 131 Euro monatlich. Der Betrag ist zweckgebunden einzusetzen für qualitätsgesicherte Leistungen zur Entlastung pflegender Angehöriger und vergleichbar Nahestehender in ihrer Eigenschaft als Pflegende sowie zur Förderung der Selbständigkeit und Selbstbestimmtheit der Pflegebedürftigen bei der Gestaltung ihres Alltags (z. B. Tagespflege, Kurzzeitpflege, ambulante Pflegedienste, anerkannte Angebote zur Unterstützung im Alltag im Sinne des § 45a SGB XI). Der nicht verbrauchte Betrag kann in das folgende Kalenderhalbjahr übertragen werden.

Mit dem Pflegegrad erwirbst du Ansprüche auf verschiedene Leistungen der Pflegeversicherung. Die Leistungsbeträge werden jährlich angepasst. Aktuelle Werte findest du auf der Seite deiner Pflegekasse oder im Pflegeleistungs-Helfer der Verbraucherzentrale. Wichtig: Die genauen Beträge sind nicht Schwerpunkt dieses Beitrags — frag im Zweifel direkt bei deiner Pflegekasse nach, weil sich die Sätze durch Pflegereformen regelmäßig ändern.

ℹ️ Hinweis: Wenn du unsicher bist, welcher Pflegegrad dir zusteht, kann eine vorab Beratung bei einem Pflegestützpunkt (§ 7a SGB XI) oder einer anerkannten Beratungsstelle sinnvoll sein — die Beratung ist kostenfrei.

Pflegegrad-Antrag bei Rheuma: So gehst du vor

Einen Pflegegrad beantragst du nicht beim MD, sondern bei deiner Pflegekasse. Die Pflegekasse ist normalerweise bei deiner Krankenkasse angesiedelt. Der Antrag ist formlos möglich — ein Anruf, ein Brief oder das Formular „Antrag auf Leistungen der Pflegeversicherung“ reicht aus.

Ablauf in Stichworten:

  1. Antrag stellen (Pflegekasse / Krankenkasse)
  2. Pflegekasse beauftragt MD (§ 18 Abs. 1 SGB XI: Auftragsübermittlung innerhalb von drei Arbeitstagen ab Antragseingang)
  3. MD-Begutachtung beim Hausbesuch
  4. Bescheid der Pflegekasse über den Pflegegrad
  5. Bei Ablehnung oder zu niedrigem Pflegegrad: Widerspruch innerhalb eines Monats

Welche Unterlagen brauchst du?

  • Ärztliche Befunde: Rheumatologe, Hausarzt, Krankenhausberichte
  • Medikamentenliste: Biologika (z. B. Humira, Enbrel), MTX, NSAR, Cortison
  • Funktionsbericht der Hände/Füße (z. B. von Ergotherapie oder Rheumatologe)
  • Pflegetagebuch (2-4 Wochen durchgehend, dazu gleich mehr)
  • Schwerbehindertenausweis (falls vorhanden — erleichtert die Einschätzung der Beeinträchtigung)
  • Liste der Hilfsmittel, die du bereits nutzt

🔗 Tipp: Auch wenn du bereits einen Schwerbehindertenausweis mit GdB hast, ist das kein Pflegegrad. Mehr dazu in unserem Widerspruchs-Leitfaden 2026: SGG § 86 Frist + Begründung oder zur ergänzenden Rheumatologie-Therapie im Beitrag Rheuma-Medikamente Biologika 2026: Humira, Enbrel, MTX.

Das Pflegetagebuch — dein wichtigstes Dokument

Das Pflegetagebuch ist der wirksamste Hebel für eine erfolgreiche Begutachtung. Der MD-Gutachter sieht dich nur für 1-2 Stunden — dein Tagebuch zeigt den Alltag über mehrere Wochen.

Was du dokumentierst:

  • Morgensteifigkeit-Dauer in Minuten (typisch: 30 bis >120 Min bei RA)
  • Selbständig vs. mit Hilfe bei: Aufstehen, Waschen, Duschen, Zähneputzen, Anziehen (Knöpfe, Socken, Schuhe), Toilettengang, Essen (Besteck, Schneiden), Medikamenteneinnahme
  • Mobilität: Treppensteigen (mit/ohne Geländer), Gehen draußen, Aufstehen aus dem Stuhl
  • Schmerzen (Skala 0-10, wann, wodurch stärker/schwächer)
  • Hilfspersonen: Wer hilft wann wie lange?
  • Hilfsmittel-Nutzung: Greifhilfe, Anziehhilfe, Gehstock

Eine Vorlage findest du auf den Seiten der Deutschen Rheuma-Liga und der Verbraucherzentrale.

Begutachtung durch den MD: Was passiert beim Hausbesuch?

Der MD (ehemals MDK — die Umbenennung gilt seit dem 1.7.2024 durch das Medizindienst-Weiterentwicklungsgesetz) schickt eine Gutachterin oder einen Gutachter zu dir nach Hause — nicht in eine Praxis. Der Hausbesuch dauert in der Regel 1 bis 1,5 Stunden.

Die sechs Module des NBA im Überblick

Das NBA entspricht den sechs Bereichen aus § 14 Abs. 2 SGB XI, gewichtet nach § 15 Abs. 2 SGB XI:

  1. Mobilität (10 %) — Positionswechsel, stabile Sitzposition, Umsetzen, Fortbewegung im Wohnbereich, Treppensteigen
  2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten + Verhaltensweisen und psychische Problemlagen (15 %)
  3. Selbstversorgung (40 %) — Körperpflege, Anziehen, Essen, Trinken, Toilettengang
  4. Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen (20 %) — Medikamenteneinnahme, Injektionen, Arztbesuche, Therapien
  5. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte (15 %)
  6. Haushaltsführung (wird im NBA-Modul 5 mitbewertet, keine eigene Gewichtung)

Worauf der MD bei Rheuma besonders achtet

Der MD bewertet deine Selbständigkeit, nicht deine Diagnose. Bei Rheuma sind besonders relevant:

  • Feinmotorik: Knöpfe schließen, Flaschen öffnen, Tabletten aus Blister drücken, Besteck halten
  • Morgensteifigkeit: Dauer über 60 Minuten fließt in Modul 3 + 4 ein
  • Medikamentengabe: Selbständige Injektion (z. B. Methotrexat subkutan, Biologika-Pen) oder auf Hilfe angewiesen
  • Mobilitätseinschränkungen: Treppen, Aufstehen aus dem Stuhl, Gehen
  • Schmerzäußerungen und Erschöpfung (Fatigue) — auch psychische Belastungen zählen

Vorbereitungstipps:

  • Wohnung sauber und zugänglich (Treppenaufgang frei, keine Stolperfallen)
  • Begleitung durch Angehörige erlaubt — der MD darf keine private Begleitung ablehnen
  • Pflegetagebuch und Befunde bereitlegen
  • Medikamentenliste sichtbar
  • Eigene Schmerzpunkte und Schwierigkeiten konkret benennen — nicht verharmlosen

⚠️ Achtung: Wenn der MD-Besuch innerhalb von 20 Arbeitstagen ab Antragstellung nicht stattfindet, hast du nach § 18 Abs. 3 SGB XI das Recht auf eine Liste mit mindestens drei unabhängigen Gutachterinnen/Gutachtern, die du selbst auswählen kannst. Lass dir diese Frist nicht entgehen.

Pflegehilfsmittel und Hilfsmittel bei Rheuma

Bei Rheuma stehen dir zwei verschiedene Hilfsmittel-Töpfe zur Verfügung — beide lohnend zu kennen:

Pflegehilfsmittel nach § 40 SGB XI

§ 40 Abs. 1 SGB XI (verbatim, Stand 23.06.2026): Pflegebedürftige haben Anspruch auf Versorgung mit Pflegehilfsmitteln, die zur Erleichterung der Pflege oder zur Linderung der Beschwerden des Pflegebedürftigen beitragen oder ihm eine selbständigere Lebensführung ermöglichen, soweit die Hilfsmittel nicht wegen Krankheit oder Behinderung von der Krankenversicherung oder anderen zuständigen Leistungsträgern zu leisten sind. Die Pflegekasse kann in geeigneten Fällen die Notwendigkeit der Versorgung mit den beantragten Pflegehilfsmitteln unter Beteiligung einer Pflegefachperson oder des Medizinischen Dienstes überprüfen lassen. Entscheiden sich Versicherte für eine Ausstattung des Pflegehilfsmittels, die über das Maß des Notwendigen hinausgeht, haben sie die Mehrkosten und die dadurch bedingten Folgekosten selbst zu tragen. § 33 Abs. 6 und 7 des Fünften Buches gilt entsprechend.

Zwei Kategorien:

  • Pflegehilfsmittel zum Verbrauch (§ 40 Abs. 2 SGB XI): z. B. Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel, saugende Bettschutzeinlagen. Aufwendungen dürfen monatlich 42 Euro nicht übersteigen (verbatim § 40 Abs. 2 SGB XI).
  • Technische Pflegehilfsmittel (§ 40 Abs. 3 SGB XI): z. B. Pflegebett, Hausnotruf, Badewannenlift, Haltegriffe. Werden vorrangig leihweise überlassen.

Pflegehilfsmittel-Verzeichnis und § 78 SGB XI

§ 78 SGB XI regelt die Verträge über Pflegehilfsmittel und das Pflegehilfsmittelverzeichnis (verbatim verifiziert). Der Spitzenverband Bund der Pflegekassen erstellt das Pflegehilfsmittelverzeichnis als Anlage zum Hilfsmittelverzeichnis nach § 139 SGB V.

Hilfsmittel nach § 33 SGB V (Krankenkasse)

§ 33 SGB V Abs. 1 (verbatim, Stand 23.06.2026): Versicherte haben Anspruch auf Versorgung mit Hörhilfen, Körperersatzstücken, orthopädischen und anderen Hilfsmitteln, die im Einzelfall erforderlich sind, um den Erfolg der Krankenbehandlung zu sichern, einer drohenden Behinderung vorzubeugen oder eine Behinderung auszugleichen, soweit die Hilfsmittel nicht als allgemeine Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens anzusehen oder nach § 34 Abs. 4 ausgeschlossen sind. Die Hilfsmittel müssen mindestens die im Hilfsmittelverzeichnis nach § 139 Absatz 2 festgelegten Anforderungen an die Qualität der Versorgung und der Produkte erfüllen, soweit sie im Hilfsmittelverzeichnis nach § 139 Absatz 1 gelistet oder von den dort genannten Produktgruppen erfasst sind.

Wichtig für Rheuma-Betroffene: Greifhilfen, Gelenkschoner (z. B. Handgelenkbandagen), Anziehhilfen, spezielle Essbestecke können sowohl über die Pflegekasse (§ 40 SGB XI) als auch über die Krankenkasse (§ 33 SGB V) laufen. Welche Kasse zuständig ist, richtet sich nach dem Verwendungszweck: Pflegehilfsmittel zur Erleichterung der Pflege → Pflegekasse; medizinisch-therapeutische Hilfsmittel → Krankenkasse. Lass dich von deiner Pflegekasse beraten, welche Lösung in deinem Fall greift.

Widerspruch gegen den Pflegegrad-Bescheid

Wenn die Pflegekasse deinen Antrag ablehnt oder dir einen zu niedrigen Pflegegrad zubilligt, kannst du Widerspruch einlegen. Die Frist beträgt einen Monat ab Zugang des Bescheids. Das Widerspruchsverfahren ist kostenfrei.

Wie du den Widerspruch begründest

Aus unserer Beratungspraxis haben sich diese Erfolgsfaktoren bewährt:

  • Konkretes Pflegetagebuch vorlegen (Original, nicht nur Zusammenfassung)
  • Ärztliche Stellungnahme einholen, die auf die fünf NBA-Module eingeht
  • MD-Gutachten kritisch prüfen: Stimmen die dokumentierten Einschränkungen mit dem Pflegegrad überein? Fehlen Morgensteifigkeit, Medikamentengabe, Feinmotorik-Einschränkungen?
  • Konkrete Beispiele statt Floskeln (zum Beispiel: „kann keine Knöpfe schließen“ statt der vagen Aussage „hat Probleme beim Anziehen“)

ℹ️ Praxis-Tipp: Die Widerspruchsstelle ist deine Pflegekasse selbst. Der Widerspruch wird intern von einer anderen Stelle bearbeitet. Bei erneuter Ablehnung kannst du Klage vor dem Sozialgericht erheben — kostenfrei in der ersten Instanz, ohne Anwaltszwang.

Wenn der Widerspruch abgelehnt wird: Sozialgerichtsverfahren

Nach einem ablehnenden Widerspruchsbescheid hast du einen Monat Zeit, Klage vor dem zuständigen Sozialgericht zu erheben. Das Verfahren ist kostenfrei (keine Gerichtskosten in der ersten Instanz, auch ohne Anwalt möglich). Wichtig: Der Pflegegrad wirkt rückwirkend ab dem Monat der Antragstellung, nicht erst ab dem Widerspruch.

🔗 Mehr zum Widerspruchsverfahren findest du im Beitrag Widerspruch Sozialrecht 2026: SGG § 86 Frist + Begründung.

FAQ — Häufige Fragen

Kann ich mit Rheuma einen Pflegegrad bekommen?

Ja, wenn du dauerhaft (≥ 6 Monate) in deiner Selbständigkeit eingeschränkt bist. Die Diagnose allein reicht nicht — entscheidend sind die konkreten Einschränkungen im Alltag. Viele Rheuma-Betroffene erreichen Pflegegrad 2 oder 3.

Welcher Pflegegrad ist bei Rheuma realistisch?

Pauschal nicht festlegbar — das NBA misst deinen individuellen Alltag. Bei mittelschwerem Verlauf mit Morgensteifigkeit, Feinmotorik-Problemen und Medikamentengabe sind Pflegegrad 2 oder 3 realistisch. Bei schwerem Verlauf mit Hilfebedarf bei Körperpflege, Ernährung und Mobilität auch Pflegegrad 4 oder 5.

Was kostet der Pflegegrad-Antrag?

Nichts. Antrag und Begutachtung sind für Versicherte kostenfrei. Die Pflegekasse trägt die MD-Kosten.

Wie lange dauert die Bearbeitung?

Die Pflegekasse muss den MD-Auftrag innerhalb von drei Arbeitstagen nach Antragseingang übermitteln (§ 18 Abs. 1 SGB XI). Die Begutachtung durch den MD erfolgt in der Regel innerhalb von 20 Arbeitstagen. Findet sie nicht fristgerecht statt, hast du nach § 18 Abs. 3 SGB XI das Recht auf eine Liste unabhängiger Gutachter.

Muss ich zur Begutachtung in eine Praxis?

Nein. Der MD kommt zum Hausbesuch. Nur in Ausnahmefällen (z. B. fehlende häusliche Verhältnisse) kann eine ambulante Begutachtung in der MD-Geschäftsstelle erfolgen.

Wann kann ich erneut einen Pflegegrad beantragen?

Jederzeit bei wesentlicher Verschlechterung (Höherstufungsantrag). Ansonsten turnusmäßig nach einer Begutachtung — in der Regel nach einem Jahr. Eine erneute Begutachtung ohne wesentliche Veränderung wird von den Pflegekassen oft abgelehnt.

Nächste Schritte — Was du jetzt tun kannst

  1. Pflegetagebuch starten (heute beginnen, 2-4 Wochen durchgehend dokumentieren).
  2. Antrag formlos stellen — Anruf bei der Pflegekasse oder Brief reicht.
  3. Ärztliche Befunde sammeln — Rheumatologe, Hausarzt, Ergotherapie.
  4. Beratungstermin beim Pflegestützpunkt (§ 7a SGB XI) oder einer anerkannten Beratungsstelle vereinbaren — kostenfrei.
  5. Sozialverband kontaktieren — VdK, SoVD oder Sozialverband Deutschland bieten Pflegeberatung und Rechtsschutz für Widerspruchsverfahren.

💚 Du bist dran: Starte heute mit dem Pflegetagebuch. Eine Vorlage bekommst du kostenfrei bei der Deutschen Rheuma-Liga oder der Verbraucherzentrale. Wenn du unsicher bist, welche Hilfsmittel dir zustehen, frag deine Pflegekasse — sie ist zur Beratung verpflichtet.


Hinweis zur Rechtsberatung

Dieser Beitrag informiert über das Pflegegrad-Verfahren bei Rheuma nach SGB XI und ersetzt keine individuelle Rechtsberatung. Bei konkreten Anliegen — insbesondere bei Widerspruch gegen einen Pflegegrad-Bescheid — wende dich an einen Pflegestützpunkt (§ 7a SGB XI), einen Sozialverband (VdK, SoVD, Sozialverband Deutschland) oder eine zugelassene Beratungsstelle. Die Erstberatung ist kostenfrei.


Autor: Salomo Swoboda · Datum: 21.06.2026 · Zuletzt geprüft: 21.06.2026 · Nächste Prüfung: 21.12.2026

Quellen (verlinkt):


Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG) – Volltext-Pflichtverweis:

  • § 1 Abs. 1 RDG (Anwendungsbereich): Rechtsdienstleistungen sind besondere Dienstleistungen, die eine juristische Prüfung des Einzelfalls erfordern.
  • § 3 RDG (Definition): Rechtsdienstleistung ist jede Tätigkeit in konkreten fremden Angelegenheiten, sobald sie eine rechtliche Prüfung des Einzelfalls erfordert.
  • § 5 RDG (Erlaubnistatbestände): Rechtsdienstleistungen dürfen nur von registrierten Erlaubnisinhabern erbracht werden (z. B. Rechtsanw<e;, Rentenberater, Steuerberater).
  • § 6 RDG (Vereinzelte Hilfeleistungen, Inkasso): Auch unentgeltliche oder vereinzelte Rechtsdienstleistungen unterliegen dem RDG – wir informieren, beraten aber nicht im Sinne des RDG.

Sozialrat Deutschland e. V. erbringt keine Rechtsdienstleistung i. S. d. RDG. Für eine verbindliche rechtliche Prüfung Ihres Einzelfalls wenden Sie sich an eine zugelassene Beratungsstelle (Pflegestützpunkt, VdK, Sozialverband Deutschland, Anwaltskanzlei mit Sozialrecht-Schwerpunkt).

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